oliver fragt sich was der michi mit den bienen macht

Danke für die Frage! Hinter den bienen verbirgt sich der Begriff „Hive-Mind“ und dahinter verbirgt sich die Heilserwartung, dass große Gruppen die Einzelintelligenz ihrer Mitglieder drastisch transzendieren. Alles klar oder?
Also: die wikipedia ist um vieles besser all jede andere Enzyklopädie, weil sie von einem anonymen Kollektiv geschrieben wird. Das anonyme Kollektiv tilgt in einem automatischen Selbstreinigungsprozess die Schwächen der einzelnen Mitglieder einfach aus.

Naja: Ich persönlich glaube – wie Jaron Lanier – eher an „trash in trash out“ und misstraue dem Hive-Mind als selbstregulierendem die allgemeine Dummheit transzendierendem System.

Unter dem Strich bleibt trotzdem die Erkenntnis stehen, dass Teams qualitativ deutlich bessere Ergebnisse erzielen als Einzelkämpfer. Geistig offene und nicht unterdrückte Teammitglieder ergänzen und erweitern ihre eigene Ideenwelt durch den Input anderer Teammitglieder und entwickeln dadurch gemeinsam deutlich effizientere, elegantere und letztlich billigere Lösungen als egomanische Einzelkämpfer-Söldner.

Die Rahmenbedingungen dafür gibts leider nicht überall …

Und genau das macht der Michael mit den Bienchen:
Teams, die elegantere, effizientere und billigere Lösungen finden und dabei weniger Angst vor und mehr Spass an der Arbeit haben.
Communities, die funktionieren, weil die Gegenleistungen stimmen, auch wenn sie nicht-monetär sind.
und so ähnliche Sachen halt.

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Den eigenen hive starten

Und wann starten Sie ihren hive? Wer ist Ihre Zielgruppe? Wo liegt der Mehrwert? Wer nutzt, wer liefert den Input? Beispiele wären ein Portal für Knowledge Management, Produktideen, Brainstormings, Rechtliches, Sicherheitsvertrauenspersonen …

Wer ist die Königin? Was wird gesammelt? Und wer moderiert? Wem nützt der hive?

Zuerst einmal dem Betreiber! Bevor es jemand anderer tut und „unsere“ Inhalte gratis zur Verfügung stellt, sollten wir es selbst tun. Wenn sich durch den Einzelinhalt nix mehr verdienen lässt, muss unser Wasserloch, unser hive so wichtig werden, dass es für die Zielgruppe interessant wird dazu beizutragen, dass er weiter besteht und die Zielgruppe weiterhin Zugang hat.

Ziel ist es nicht mehr die einzelne Informationseinheit zu kapitalisieren, sondern die Gesamtsumme an Information, den Zugang, die Auffindbarkeit der Einzelinformationen. Informationsaustausch, Informationserstellung, neue Erkenntnisse, Diskussionen zum Thema. Ein virtueller Stammtisch auf professionellem Niveau …

Geschäftsmodelle? Wie sehen unsere Angebote aus? Die Monetarisierbarkeit ergibt sich leider nicht aus unserem Bedarf an Deckungsbeiträgen, sondern aus der Einzigartigkeit und Attraktivität unserer Angebote. Also: Angebote zuerst, Glaubwürdigkeit zuerst, Geschäftmodelle später!

Vor allem lieber gratis als Test starten und nach einem Jahr Preise einführen, die für Anbieter und Kunden Hand und Fuß haben, statt den „falschen“ Preis anzusetzen und damit von Anfang an die Zukunft zu vergeigen! Oder glauben Sie dass die RIDA aus heutiger Sicht ihr Potential ausschöpft?

Den hive am Brummen halten

Unser kleiner hive brummt also. Aus dem Wasserloch ist eine community entstanden. Menschen tragen bei, weil sie auch wirklich Nutzen daraus haben. Anerkennung für ihre Hilfsbereitschaft, ihre Offenheit, ihr Wissen. Wie können wir diese community am Leben halten?

Durch einfühlsames Moderieren – Übereifrige Teilnehmer müssen liebevoll gebremst, Zurückhaltende in die Diskussion gezogen werden. Neue Themen können anmoderiert, heisse Themen eingebremst und ungleiche Auslastung bestimmter Themenbereiche kann ausgeglichen werden.

Wenn wir uns mit unseren Themen im professionellen Umfeld bewegen, können wir ernsthaft überlegen, ob wir die Incentives für Neueinsteiger über digitale portfolios, Bewertungspunkte oder andere virtuelle Währungen attraktivieren sollen. Berufseinsteiger sind immer daran interessiert „sich einenRuf aufzubauen“, eine Eintrittskarte in ihren ersten Job zu lösen. Diese Anerkennung können sie sich ja durchaus in unserem Forum durch ihre Beiträge verdienen.

Nebenbei erweitern wir dabei den Inhalt (content) und die Qualität unseres hives, schaffen einen Platz der Begegnung zwischen Arrivierten und  Neueinsteigern zwischen Beitragenden und Konsumierenden. Wir halten den hive am Brummen …

Wasserloch oder hive?

Im letzten post haben wir einen Ort für einen hive installiert, Drohnen und ArbeiterInnen kennen gelernt, versucht unseren hive aufzubauen. Bienchen fliegen ein und aus; Material kommt und wird abgerufen. Wie geht es jetzt weiter?

Momentan betreiben wir ja eher noch ein virtuelles Wasserloch. Wir stillen Grundbedürfnisse, haben nebenbei ein Geschäftsmodell ruiniert, weil wir gratis und im Überfluss (abundant) ehemals seltene und wertvolle (scarce) Dokumente zur Verfügung stellen. Aber was haben wir davon? Was unsere Arbeitsbienchen? Die Antwort lautet wenig bis nix!

Die kreative Königin hat den Ruhm und wenn wir eine „Wall of Fame“ mit den Namen der Beitragenden einrichten, hat auch jeder einzelne ein bisschen Ehre. Das Potential unseres Wasserlochs schöpfen wir aber nicht aus. Wir wollen einen richtigen hive!

Dafür brauchen wir noch dringend eine community! Ein Forum zu technischen Fragen, Gerätevergleichen und off-topic Themen. Genau dadurch wird unser Wasserloch zum hive. Jetzt erst kommen alle Bienen, Drohnen wie Arbeiterinnen gerne auch öfter mal zurück auf einen Plausch, eine Diskussion, treffen Verabredungen fürs richtige Leben …

Klingt schon nach Geschäftsmodell. Einerseits für die mögliche Monetarisierung unseres hives (viele Besucher sehen viele Banner!), andererseits nach erfolgreicher Geschenkökonomie:
Wenn genug Mitspieler da sind, wird auch der einzelne Rat, die einzelne Hilfseinheit „abundant“ und selbst nicht mehr wertvoll; wer aber viele posts aufweisen kann, erhält Ruhm, Ehre und Ansehen. Diese Dinge sind wiederum „scarce“ und damit erstrebenswert.

Natürlich war das bis jetzt nicht aufregend, weil es „nur“ das Modell von vinylengine.com nachzeichnet. Die dahinter liegenden Mechanismen und Logiken lassen sich aber jederzeit auf andere Themen als Plattenspieler übertragen.

Ob sich das grundlegende Wasserloch hinter einer „paywall“ verbirgt und über andere Kanäle als Suchmaschinen beworben wird, offen und gratis seine Inhalte anbietet oder ein freemium-Modell verwendet, bleibt sich im Grunde fürs erste egal. Wichtig für die Entstehung eines hives ist einzig, dass es gelingt eine Community zu installieren und ans Laufen zu bekommen …

Wie entstehen Geschenkökonomien und hives?

Das Web – nicht erst 2.0 – hat mit seinen Möglichkeiten kostengünstig bis gratis zu publizieren zu einer Explosion der sichtbaren Kreativität geführt. War es früher mühsam seine Musik, Texte, Ideen oder ähnliches zu verbreiten ist heute der nächste blog – zB hier auf wordpress – nur eine Anmeldung entfernt. Jeder kann, jeder darf und jeder soll sagen was er zu sagen hat, publizieren was er zu publizieren hat. Das ist gut so.

Die Schmerzen kommen später: Gut besiedelte Nischen, deren Urbarmachung vermutlich einiges Geld gekostet hat brechen plötzlich in sich zusammen. Ein Beispiel dafür sind relativ junge (ca. 10 Jahre) Angebote, die Serviceunterlagen für Elektrogeräte entweder Print-on-Demand oder digital gegen geringes Entgelt (10-20 EUR/USD) zur Verfügung stellen. Ambitionierte Amateure (vinylengine, wegavision) haben als kooperatives Team einen Teil der Bibliothek etablierter Dienstleister wie Schaltungsdienst Lange oder stereomanuals obsolet gemacht. Zum Glück ist dieses Geschäft de facto frei von den sonst üblichen Urheberrechtsfragen – die Hersteller der kopierten bzw gescannten Unterlagen sind entweder lange vom Markt verschwunden oder selbst gar nicht mehr interessiert ihre Jahrzehnte alten Geräte zu unterstützen (Ausnahmen wie Yamaha bestätigen die Regel).

Wie funktioniert das? Dargestellt als „Hive-Mind“ in Analogie zum Bienenstock:
1) eine „Königin“ (der/die maintainer/in) hat die kreative Idee und einen Grundstock an Material und startet damit den Bienenstock – idealerweise auf einem kostenlosen „Grundstück/Serverplatz“,
2) „Drohnen“ (freeloader/innen) kommen angeflogen und nutzen das Angebot,
3) einige Drohnen werden zu „Arbeiter/innen“ und bringen weiteres Material in den Bienenstock,
4) der Bienenstock wächst, zieht weitere Drohnen und Arbeiter/innen an, das Angebot vergrößert sich, die Relevanz wächst,
5) die Königin bekommt mit der Erhaltung richtig Arbeit, eventuell muss Bandbreite oder neuer Serverplatz gekauft werden.

Ein klassisch erfolgreiches open-source Projekt.
Wichtige konstruktive Teilnehmer:
A) die/der Kreative / die Königin des hives
B) Mitspieler/innen / die Arbeitsbienen des hives

Die Motivation:
Jede/r Einzelne hat großen Nutzen aus dem Projekt – es gibt schwer aufzutreibende und eventuell teure Unterlagen gratis. Nutzer/innen, die selbst Unterlagen besitzen tragen ihre Schulden am hive dadurch ab, dass sie ihre Unterlagen selbst zur Verfügung stellen.

Rahmenbedingungen:
Glaubwürdigkeit spielt im Zusammenhang mit gescannten Unterlagen keine Rolle; das Vertrauen gilt nicht gegenüber dem, der die Unterlagen zur Verfügung stellt, sondern dem Ersteller der Unterlagen. Besser als der Hersteller kann keiner die Geräte beschreiben. Die Originalität der gescannten Unterlagen ist jederzeit überprüfbar.

Schmerzen:
Billiger als gratis geht es nicht! Die Unterlagen, die es auf diese Art zum Download gibt, sind als Ware wertlos geworden.

Neue Geschäftsmodelle – die Öffnung der elektronischen piñata

Der britische Guardian öffnet seine elektronische piñata! Jede Menge Backlist zum Einbinden in eigene Angebote über offene Schnittstellen und transparente Bedingungen! Nach einem Jahr offenen Tests mit potentiellen usern!

Aus heutiger Sicht wird hier alles richtig gemacht, was man nur richtig machen kann:
– jeden Content öffnen
– gemeinsam mit der Zielgruppe arbeiten
– transparente, nachvollziehbare Regeln definieren
– offene Schnittstellen schaffen
– …

ob Murdoch mit seinen paywalls oder der Guardian mit seinen offenen Ansätzen Recht behält, wird die Zukunft und der wirtschaftliche Erfolg zeigen …

Alles frei; was wenn die Gegenleistung nicht passt?

Der Schluss von Chris Anderson trügt – Information ist nicht free im Sinne von gratis; die Gegenleistung wird sehr wohl erwartet: ritueller impact, rituelle Anerkennung oder andere nicht-monetäre Abgeltungen!
Fällt diese Gegenleistung weg, weil auf Portalen wie zB wikipedia solche Zuschreibungen zur Person nicht möglich sind, bricht die Geschenkökonomie früher oder später zusammen, es sei denn der Nachwuchs ist unbegrenzt – wie vielleicht tatsächlich – aber eben nur – bei wikipedia.
Der Ausfall der obligatorischen, rituellen Gegenleistung führt zu Krieg, privat oder öffentlich!
Die Waffen dieser Kriege im web 2.0 sind bekannt: flamewars, Trollereien, edit-wars auf wikipedia, mobbing in Foren – you name it!
Jeder von uns kennt zweifellos Foren, in denen bestimmte usergruppen nur noch daran interessiert sind, Krieg gegen andere „Stämme“ oder den Stamm der Moderatoren zu führen und der Inhalt nur noch eine untergeordenete Rolle spielt. Wenn nicht kann ich die eine oder andere Adresse nachreichen, wo sogar die Moderatoren Kriegspartei sind.
Also zurück zum Menschen, zurück zum Verstehen und Wertschätzen und zurück zu den steinzeitlichen Stammeskulturen; die sind uns offensichtlich auch trotz web 2.0 deutlich näher und deutlich nachhaltiger in unseren Gehirnen verankert als uns lieb wäre.
Zum Abschluß noch ein Zitat von Jaron Lanier: „But once you have the basics of a given technological leap in place, it’s always important to step back and focus on people for a while.“ (Lanier, Jaron: You are not a Gadget, A Manifesto, ISBN 978-0-307-26964-5, Alfred A. Knopf, USA 2010, S. 72)
Konzentrieren wir uns also auf die Menschen und Befindlichkeiten hinter den anonymen Bienchen im achso praktischen hivemind!
PS: FREE von Chris Anderson ist trotzdem hochinteressant, weil es voll von Beispielen und Historien dazu ist, was free eben nicht bedeutet – nämlich gratis und ohne erwartete Gegenleistung!
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