Alles frei; Irritierendes über die schöne neue Welt

Im Buch „FREE“ schreibt Chris Anderson 257 Seiten darüber, warum im Internet alles frei ist oder sein wird. Er hat allerdings ein paar Grundlagen in Bezug auf die kostenlose Erstellung von Inhalten übersehen. Er kommt damit zu einer Fehlinterpretation der Geschenkökonomien:
1) Er bezieht sich auf ein Buch von Lewis Hyde aus 1983 (Anderson, Chris, Free, Random House 2009, p. 186, ISBN 9781905211470) und übersieht dabei Marcel Mauss’ „Essai sur le don“, erschienen in Paris 1950.
2) Anderson kommt zu dem Schluss, dass niemand die Geschenke selbst beeigentümert, sondern die Geschenke quasi zu anderen Menschen weiterziehen müssen. Weil er Mauss nicht kennt, übersieht er dabei, dass „[…] der Umlauf der Reichtümer nur eine Seite eines weit beständigeren Vertrags ist. Schließlich vollziehen sich diese Leistungen und Gegenleistungen in einer eher freiwilligen Form, durch Geschenke, Gaben, obwohl sie im Grunde streng obligatorisch sind, bei Strafe des privaten oder öffentlichen Krieges. Wir haben vorgeschlagen dies das System der totalen Leistungen zu nennen.“ (Mauss, Marcel, Die Gabe, Suhrkamp Verlag 1990, S. 22, ISBN 978-3-518-28343-1)
3) Anderson irrt im Glauben alle Motivation der Selbstverwirklicher im Internet wäre intrinsisch: „No wonder the web exploded, driven by volunteer labor – it made people happy to be creative, to contribute, to have an impact, and to be recognized as expert in something“ (Anderson, Chris, Free, Random House 2009, p. 189, ISBN 9781905211470). So ganz ohne Publikum funktioniert die Motivationsmaschine also doch nicht, Anerkennung als Abgeltung ist schon dabei – oder?
Und falls die intrinsische Motivation am Ende doch nicht reicht, hat Anderson auch gleich die neue Austauschwährung parat: PageRank! Dummerweise unterliegt diese Währung einer Hyperinflation – jeder der schon mal in einem SEM-Seminar war weiß ein Lied davon zu singen! Heute noch Dagobert, morgen obdachlos! langfristige Anerkennung – Pustekuchen!
Eric S. Raymond hatte das schon in den 1990er Jahren besser verstanden:
„[…] it is quite clear that the society of open-source hackers is in fact a gift culture. Within it, there is no serious shortage of the `survival necessities’—disk space, network bandwidth, computing power. Software is freely shared. This abundance creates a situation in which the only available measure of competitive success is reputation among one’s peers.“ (Raymond, Eric S., The Hacker Milieu as Gift Culture, in The Cathedral and the Bazaar, http://catb.org/~esr/writings/cathedral-bazaar/homesteading/ar01s06.html)
Clara Shih – facebook Marketing Guru – hat ebenso ganz deutlich die Gegenleistung im Fokus:
„To be successful over the long term, the foundation of all your strategies and tactics needs to come back to the customer. Why would they want to engage? What are their incentives, motivation, expectation and thought process?“ (Shih, Clara, the Facebook Era, Tapping Online Social Networks to Build Better Products, Reach New Audiences, and Sell More Stuff, USA 2009, S. 147) …

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